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Selbstverantwortung und Gesundheit

Weg - Selbstverantwortung und Gesundheit
 

SELBSTVERANTWORTUNG UND GESUNDHEIT

 

Heute möchte ich ein wichtiges Thema aufgreifen, zu dem ich vor kurzem durch einen Podcast (s.u.) inspiriert wurde: Selbstverantwortung und Gesundheit.

Ein Thema das mir selbst in meiner Praxis immer wieder begegnet, ist die Selbstverantwortung bzw. mangelnde Selbstverantwortung der Klient*innen. Es besteht immer noch eine allgemein große Erwartungshaltung an Ärzt*innen, Heilpraktiker*innen, Therapeut*innen, etc. im Hinblick auf den Ausgang und Erfolg einer Therapie oder Behandlung. In der Yogatherapie ist es schon ein bisschen anders, denn es ist denen die kommen bekannt, dass sie nach ihrer Yogatherapie-Sitzung eigenständig ihre Übungen weiter zuhause praktizieren müssen, wenn die Beschwerden besser werden sollen. Die meisten Klient*innen setzen den Therapieplan um und üben. Doch während die Wochen und Monate vergehen verlieren einige Klient*innen ihre Disziplin, oder probieren etwas Neues aus, was ihnen mehr Erfolg verspricht.

Viele Menschen in unserer Gesellschaft machen Ärzt*innen, Heilpraktiker*innen, Therapeuten*innen für ihre körperliche Gesundheit verantwortlich. Man hört immer wieder: „Dieses oder jenes Medikament hat mich noch kranker gemacht“, … „diese oder jene Behandlung hat mir geschadet, etc.“ Tatsache ist jedoch, dass wir immer eine Wahl haben, welche Therapien wir durchführen wollen oder welche Medikamente wir einnehmen wollen (zumindest noch). Wir können uns im Vorfeld über Nebenwirkungen von Medikamenten und Behandlungsrisiken informieren, wir können unsere auserwählten Therapeut*innen dazu befragen, wir können um alternative Lösungen bitten. Wenn die Antworten unbefriedigend sind, können wir uns für neue Behandlungen oder Therapeut*innen entscheiden. Auf psychischer Ebene funktionieren die meisten Menschen genau so. Fühlen wir uns unausgeglichen, erschöpft, oder gar am Ende, geben wir oft unseren Arbeitgebern, Kollegen, Beziehungspartnern, Eltern oder Kindern die Schuld.

DIE VERANTWORTUNG FÜR UNSERE GESUNDHEIT KÖNNEN WIR NIEMANDEM ÜBERTRAGEN!

Wir selbst haben die Umstände, seien es Ärzt*innen, Partner*innen, den Arbeitsplatz, etc., gewählt.


WARUM IST ES SO SCHWIERIG, SELBSTVERANTWORTLICH ZU SEIN?

Selbstverantwortung gehört zu unserer menschlichen Entwicklung. Auf körperlicher, neuronaler oder biochemischer Ebene geht es um Selbstregulation. Selbstregulation bedeutet, dass wir lernen, uns ohne Einfluss von außen zu regulieren oder auszugleichen. (Ich spreche hier nicht von schwer traumatisierten oder behinderten Menschen, die erst einmal auf Co-Regulation angewiesen sind). Wenn unsere psychische Entwicklung jedoch mangelhaft war, sind wir dazu nicht in der Lage. Wir schaffen es nicht, in Eigenverantwortung und Autonomie zu leben. Das bedeutet -auf den Körper übertragen- dass wir uns nicht selbst regulieren können. Dies kann sich in chronischen Krankheiten, einem unregulierten Hormonhaushalt oder, auf die Psyche und das Verhalten bezogen, in innerem Stress oder toxischen Beziehungen wiederspiegeln.

Als Baby leben wir in einer Symbiose mit unserer Mutter. Wir empfinden Gefühle und Gedanken, die unsere Mutter empfindet - das Baby hat noch keine Ahnung davon, dass es eine eigene Person ist. Es ist abhängig und kann sich noch nicht allein regulieren. Im Alter von drei Jahren beginnt sich das Kind langsam aus der symbiotischen Beziehung zur Mutter, oder einer anderen Bezugsperson zu lösen (Separation) und wird allmählich selbstständiger und autonomer. Es erlebt sich immer stärker als eigene Person mit eigenen Gefühlen, Wünschen, Vorlieben und Plänen (Individuation). Wenn diese Phase nicht erfolgreich durchlaufen und abgelöst wird, bleibt es auch im Erwachsenenalter bei einer symbiotischen Beziehung zur Mutter. Die Autonomie-Entwicklung des Kindes wird gehemmt, wenn die Mutter bspw. die Grenzen und den Raum des Kindes missachtet und das Kind nicht darin unterstützt, seine Individualität auszubilden. Vielleicht wird es sogar für seinen persönlichen Ausdruck und Expansionsdrang bestraft.

Es lernt: „Ich bin falsch, sonst würde ich bekommen was ich brauche.“ Oder: „Wenn ich so bin wie ich bin, werde ich nicht geliebt, also bin ich brav und passe mich lieber den Wünschen meiner Mutter an.“ Wir dürfen nicht vergessen, dass es in diesem Alter für das Baby/Kind tatsächlich noch um das reine Überleben geht.

Dieser Abhängigkeits-Mechanismus ist bei uns Erwachsenen immer noch aktiv! Rein psychologisch und biologisch können wir damit nicht in die Eigenverantwortung gehen. Wenn wir als Erwachsene mit unserer Mutter oder den Eltern ‚verschmolzen‘ bleiben, kommt es immer wieder zur Angst, nicht geliebt oder gemocht zu werden, wenn wir Dinge eigenmächtig für uns entscheiden. Das reicht von der Partnerwahl, bis hin zum Lebensmodell, der Frisur oder der Kindererziehung. Diese Angst überträgt sich auch auf die Gesellschaft; wir befürchten, nicht akzeptiert und ausgeschlossen zu werden, wenn wir für unsere Bedürfnisse und Meinungen eintreten. Also verbiegen wir uns lieber. Letztendlich bleibt unser Leben unerfüllt, wenn wir das was uns wichtig ist und das was uns als Individuen ausmacht, nicht zum Ausdruck bringen können.

Ein anderer Aspekt dieser mangelnden emotionalen Reife ist, dass wir immer noch der Meinung sind, andere müssten für uns sorgen. Viele Menschen im Erwachsenenalter wollen etwas bekommen, aber nichts dafür geben. Sie wollen versorgt werden, ohne eine Gegenleistung zu erbringen. Sie warten immer noch darauf, dass „Mutti es schon richtet.“ In ihren Beziehungen sind sie abhängig davon, dass etwas zurück kommt. Sie haben das Gefühl, ohne Partnerin/Partner nicht leben zu können und viele können und wollen sich nicht selbst regulieren. ‚Muttis‘ sind im übertragenen Sinne auch Ärzt*innen, Heilpraktiker*innen, Therapeuten*innen, Politiker*innen, etc. von denen wir etwas bekommen wollen. Wie gesagt, ein Baby darf zurecht und ohne Gegenleistung fordern, da es ansonsten sterben würde. Ein emotional reifer Erwachsener zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass er/sie SICH SELBST REGULIEREN und GEBEN kann. Und Geben ist eine Voraussetzung für funktionierende Beziehungen.

Wenn wir der Überzeugung sind, andere müssten etwas für uns tun, steht unsere Heilung auf wackligen Beinen!

Den Heilungsprozess kann sowieso nur jede/r für sich selbst anstoßen. Der Arzt kann unseren Bruch schienen, doch ob der Knochen zusammenwächst ist von unserer eigenen Heilkraft abhängig.


WENN DU WISSEN MÖCHTEST OB DU DEINE AUTONOMIE LEBST, DANN BEANTWORTE DIR FOLGENDE FRAGEN:

  • Kann ich mit dem was mir Spaß macht Geld verdienen? Traue ich mir was zu?
  • Wie wichtig ist mir, was andere von mir denken?
  • Wo im Alltag gebe ich Verantwortung ab und wo erwarte ich (heimlich) dass es jemand anders macht?
  • Wo und wann gebe ich anderen die Schuld für mein Leid oder meine Situation?

  • WAS KANNST DU TUN, WENN DU DEINE AUTONOME NICHT LEBST BZW. DICH SELBST NICHT REGULIEREN KANNST?

  • Durch die Praxis von Achtsamkeit kannst du dir Klarheit über deine inneren Haltungen, Gedanken und Gefühle verschaffen.
  • Du kannst dich beobachten: Welche Reaktionen kann ich in mir wahrnehmen?
  • Du kannst dich reflektieren: Wo und wann habe ich Angst vor der Reaktion anderer?
  • Woran möchte ich arbeiten? Was stört mich an mir selbst?
  • Habe ich Selbstvertrauen?
  • Wo im Leben begegnet mir immer wieder das gleiche Problem, bzw. was bekomme ich nicht aufgelöst? (Probleme mit Geld verdienen, Beziehungsprobleme, gesundheitliche Probleme, etc.)
  • Gibt es Anteile in mir, die nicht in der Lage zur Selbstregulation sind?
  • Wo glaube ich, abhängig zu sein?
  • Wann im Alltag gehe ich über meine körperlichen Grenzen bzw. übergehe mich bzw. übernehme ich keine Verantwortung für meine Gesundheit (Hunger, Durst, Kopfdruck, Schmerzen ignorieren, zu viel arbeiten, zu wenig Pausen machen, etc.)?
  • Manchen Menschen gelingt es, diese tiefsitzenden Programme mit viel Disziplin allein aufzulösen. Wenn es nicht gelingt - und das ist oft der Fall, da uns die Programme schon seit frühester Kindheit begleiten - ist es sinnvoll, sich externe Hilfe zu holen, etwa eine Therapie zu machen. Meist sind es frühkindliche Traumata die verhindern, dass wir in Autonomie und Individuation kommen.

    Bevor wir therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen ist es wichtig Energie aufzubauen, die wir für die Bearbeitung dieser Themen unbedingt brauchen. Ein überlastetes Nervensystem ist keine gute Grundlage. Stressmanagement, gesunde Ernährung, Meditation und Bewegung können uns dabei unterstützen.

    Abschließend eine Definition von C.G. Jung: „Individuation bedeutet: zum Einzelwesen werden, und, insofern wir unter Individualität unsere innerste, letzte und unvergleichbare Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen Selbst werden. Man könnte ‚Individuation‘ darum auch als ‚Verselbstung‘ oder als ‚Selbstverwirklichung‘ übersetzen.“ Es ist nicht nur wünschenswert, sondern sogar unerläßlich, weil durch die Vermischung [Abhängigkeit e.A.] das Individuum in Zustände gerät und Handlungen begeht, die es uneinig mit sich selber machen. Von jeder unbewußten Vermischung und Unabgetrenntheit geht nämlich ein Zwang aus, so zu sein und zu handeln, wie man selber nicht ist. Man kann darum weder einig damit sein, noch kann man dafür Verantwortung übernehmen. Man fühlt sich in einem entwürdigenden, unfreien und unethischen Zustand (...) Eine Erlösung aus diesem Zustand aber ergibt sich erst dann, wenn man so handeln kann, wie man fühlt, daß man ist. Dafür haben die Menschen ein Gefühl, zunächst vielleicht dämmerhaft und unsicher, mit fortschreitender Entwicklung aber immer stärker und deutlicher werdend (…) Aus C.G. Jung: Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewußten

    Inspiration:
    hormonconnection-podcast/selbstverantwortung
    Systemische Selbst-Integration: www.e-r-langlotz.de
    Kita Fachtexte: Entwicklungspsychologische Grundlagen der frühen Kindheit und frühpädagogische Konsequenzen

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