
Yoga bei psychischen Erkrankungen – Teil 2: Asana
3. Dezember 2025Yoga bei psychischen Erkrankungen – Teil 3: Atem & Pranayama
YOGA BEI PSYCHISCHEN ERKRANKUNGEN -
Teil 3: Atem & Pranayama
Wenn wir an Yoga denken, denken die meisten Menschen zunächst an Körperhaltungen. Manche denken an Meditation. Nur wenige denken an etwas, das wir jede Minute unseres Lebens tun und das dennoch häufig unbeachtet bleibt: Atmen.
Dabei ist die Atmung eines der unmittelbarsten Werkzeuge, mit denen wir unseren körperlichen und psychischen Zustand beeinflussen können. Sie spiegelt wider, wie es uns geht – und wirkt gleichzeitig auf unser Erleben zurück. Stress, Angst, Traurigkeit oder Anspannung verändern unseren Atem. Umgekehrt kann eine veränderte Atmung Einfluss auf Körperempfinden, Gefühle und Gedanken nehmen.
Gerade bei psychischen Erkrankungen spielt dieser Zusammenhang eine wichtige Rolle.
Wenn die Atmung aus dem Gleichgewicht gerät
Menschen mit Angstzuständen oder Panikattacken berichten häufig von Atemnot, Enge in der Brust, Herzrasen oder Schwindel. Oft entsteht ein Teufelskreis: Die Angst verändert die Atmung, die veränderte Atmung verstärkt körperliche Symptome und diese werden wiederum als bedrohlich erlebt.
Eine wichtige Rolle kann dabei die Hyperventilation spielen. Darunter versteht man vereinfacht gesagt eine Atmung, die über den aktuellen Bedarf des Körpers hinausgeht. Dadurch verändert sich die Zusammensetzung der Atemgase im Blut, was Symptome wie Schwindel, Kribbeln, Benommenheit oder Herzklopfen auslösen kann.
Hyperventilation ist jedoch nicht zwangsläufig die Ursache von Angst oder Panik. Sie kann Ursache, Begleiterscheinung oder Folge sein. Entscheidend ist, dass Atmung und psychisches Erleben eng miteinander verbunden sind.
Was bedeutet das für die Yogapraxis?
In den letzten Jahren sind Atemübungen im Yoga immer populärer geworden. Auf Social Media finden sich zahlreiche Anleitungen zu intensiven Atemtechniken, die mehr Energie, mentale Klarheit oder besondere Bewusstseinszustände versprechen. Doch nicht jede Atemübung ist für jeden Menschen geeignet.
Schnelle Atemtechniken wie Kapalabhati oder Bhastrika erhöhen vorübergehend die Atemaktivität und können körperliche Empfindungen hervorrufen, die Symptomen einer Hyperventilation ähneln, etwa Schwindel, Kribbelgefühle oder Benommenheit. Für Menschen mit Angststörungen, Panikneigung oder hoher innerer Anspannung können solche Erfahrungen belastend sein. Daher empfehlen verschiedene Autoren einen vorsichtigen und fachkundig angeleiteten Einsatz dieser Techniken. Zudem weisen sie darauf hin, dass Atemübungen ohne qualifizierte Anleitung unerwünschte Wirkungen hervorrufen können (Suchandra, Bojappen & Rajmohan, 2021).
Deshalb gilt insbesondere im therapeutischen Kontext ein wichtiger Grundsatz: Nicht jede traditionelle Yogatechnik ist automatisch therapeutisch. Die entscheidende Frage lautet nicht: „Welche Atemübung ist am wirkungsvollsten?“, sondern: „Welche Atemübung unterstützt diesen Menschen in seiner aktuellen Situation?“
Der Atem als sicherer Anker
In der Yogatherapie geht es häufig nicht darum, spektakuläre Atemtechniken zu erlernen. Vielmehr steht im Vordergrund, den Atem wieder als etwas Verlässliches wahrzunehmen.
Viele Menschen mit Depressionen, Angststörungen oder chronischem Stress verbringen einen großen Teil ihrer Aufmerksamkeit im Grübeln, Analysieren oder Sorgenmachen. Die bewusste Wahrnehmung des Atems kann helfen, wieder in direkten Kontakt mit dem gegenwärtigen Erleben zu kommen.
Dabei zeigt sich oft etwas Überraschendes: Nicht jede Empfindung muss kontrolliert, nicht jeder Gedanke gelöst und nicht jede Anspannung sofort verändert werden. Es genügt häufig, wahrzunehmen, was gerade da ist.
Deshalb werden in der Yogatherapie meist einfache Atemformen eingesetzt: eine freie, gleichmäßige Atmung ohne Leistungsdruck, ohne Atemanhalten und ohne komplizierte Techniken.
Besonders hilfreich kann ein sanft verlängertes Ausatmen sein. Viele Menschen neigen unter Stress zu einer eher kurzen Ausatmung. Eine ruhigere und etwas längere Ausatmung kann beruhigend auf das autonome Nervensystem wirken. Auch Summen, Tönen oder das Ausatmen durch leicht geschlossene Lippen werden häufig als unterstützend erlebt.
Was ich in der Praxis beobachte
In meinen Stressbewältigungsseminaren führe ich regelmäßig kleine Atembeobachtungen durch. Bei einfachen Yogaübungen bitte ich die Teilnehmenden wahrzunehmen, wie lange ihre Ein- und Ausatmung tatsächlich dauert. Dabei zeigt sich erstaunlich häufig ein ähnliches Bild: Viele Menschen atmen länger ein als aus.
Das mag zunächst unspektakulär erscheinen, ist jedoch bemerkenswert. Denn bereits eine gleich lange Ein- und Ausatmung stellt für viele Menschen eine ungewohnte Erfahrung dar. Man könnte fast sagen, für manche ist schon die ausgeglichene Atmung ein kleines Pranayama:)
Diese Beobachtung verdeutlicht, wie eng Stress und Atmung miteinander verbunden sind. Unter Belastung neigen viele Menschen zu einer eher flachen Brustatmung und einer verkürzten Ausatmung. Wenn sie lernen, den Atem bewusster wahrzunehmen und das Ausatmen sanft zu verlängern, verändert sich häufig nicht nur die Atmung selbst. Oft verändern sich auch Körperempfinden, Anspannungsniveau und die Fähigkeit, im gegenwärtigen Moment anzukommen.
Atmung als Weg zum inneren Gleichgewicht
Gerade im Yoga wird oft nach besonderen Techniken, tieferen Erfahrungen oder schnellen Veränderungen gesucht. Im therapeutischen Kontext zeigt sich jedoch häufig etwas anderes: Nicht das Außergewöhnliche ist entscheidend, sondern die Fähigkeit, wieder ein gesundes Gleichgewicht zu finden.
Das gilt auch für die Atmung. Weder geht es darum, möglichst tief, möglichst langsam oder möglichst kontrolliert zu atmen, noch darum, besondere Atemtechniken zu beherrschen. Entscheidend ist vielmehr, eine Atmung zu entwickeln, die den Organismus unterstützt, zwischen Aktivität und Ruhe, Anspannung und Entspannung in Balance zu kommen.
Zitierte Autoren (Suchandra, Bojappen, Rajmohan) sind Wissenschaftler des National Institute of Mental Health and Neurosciences (NIMHANS) in Bangalore, Indien
Fotocredits: PRATEEK JAISWAL auf Unsplash

