Das Erleben von Traumata

Das Erleben von Traumata

Nach dem ICD-10 versteht man unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), eine „verzögerte Reaktion auf extreme Bedrohungssituationen“ wie Krieg, Gewalt, sexueller Missbrauch, Autounfall, etc. Man spricht vom sog. „Schocktrauma“.

Die meisten von uns sind aber durch wesentlich „unspektakulärere“ Erlebnisse, meist aus der frühen Kindheit geprägt: Demütigungen, ein strenges oder gefühlskaltes Elternhaus, Vernachlässigung, häufige Umzüge oder Wechsel der Bezugspersonen, psychische Erkrankungen der Eltern (Alkoholismus, Depression, Persönlichkeitsstörungen), etc. Man spricht dann vom sog. „Entwicklungstrauma“.

Woran erkennt man, dass Menschen traumatisiert sind?

Auf der „Low-Energy“ Seite kann sich das Trauma durch Antriebsmangel, ausdrucksloses Gesicht, Geistesabwesenheit, wenig modulierte Sprache, etc. zeigen. Auf der „High-Energy“ Seite erleben wir die andere Seite des Spektrums: es ist zu viel Energie im System, dies führt zu erhöhter Wachsamkeit (Hypervigilanz), Unruhe, Getriebenheit, Sprechen mit greller und angespannter Stimme, etc.

Bei beiden Typen finden wir physische und psychische Phänomene wie:

  • Keine oder eine stark reduzierte Körperwahrnehmung bis hin zu Missempfindungen, bei der Betroffene ganze Bereiche ihres Körpers nicht spüren können.
  • Überschwemmt werden von Empfindungen und Schmerzen aus den Eingeweiden
  • Überschwemmt werden von Stresshormonen
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit, Einsamkeit und Leere
  • Depressionen
  • Ängste
  • Dissoziation (Erlebtes wird verdrängt und abgespalten)
  • Emotionale Verschlossenheit und emotionale Taubheit für sich selbst und andere
  • Unfähigkeit, Gefühle in Worte auszudrücken
  • Scham- und Schuldgefühle
  • Gefühle der Wertlosigkeit
  • Selbstekel
  • etc.

Auf der Verhaltensebene finden wir Isolation, Drogenkonsum, Beziehungsprobleme, Aggression, Selbstverletzung, Verharren in leidfördernden Beziehungen (Gewalt in der Ehe), etc.

Oft drückt der Köper den erlebten, unverarbeiteten Schmerz durch verschiedene chronische Erkrankungen aus wie: Asthma, Reizdarm, Fibromyalgie, allg. Autoimmunerkrankungen, Erschöpfungszustände, etc.

Der Blick ins Gehirn traumatisierter Menschen

Durch bildgebende Verfahren wurde bestätigt, dass die Gehirne traumatisierter Menschen anders funktionieren, als die Gehirne „gesunder“ Menschen: Man fand in fast allen Bereichen des Gehirns eine Reduzierung der Aktivität, besonders in den Arealen für die Selbstwahrnehmung.

Die linke Gehirnhälfte kann bei Traumatisierten deaktiviert werden, z.B. während eines Flashbacks. Mit Hilfe der linken Gehirnhemisphäre können wir vergangene Erlebnisse klären und ordnen, sowie unsere Wahrnehmung in Worte fassen. Ohne ihre Aktivität wird ein vergangenes Erlebnis so erfahren, als fände es jetzt statt. Dies führt oft zu starken Gefühlsausbrüchen, zu Entsetzen, Wut, Scham oder Erstarrung.

Der Blick auf das Nervensystem traumatisierter Menschen

Nach einem traumatischen Erlebnis (egal ob Schock- oder Entwicklungstrauma) erleben wir die Welt mit einem veränderten Nervensystem. Meist verteidigt sich unser Körper immer weiter in Form von Stressreaktionen gegen eine Bedrohung, die längst nicht mehr besteht. Oder wir leben mit einer Depression und haben das Gefühl, nichts in der Welt zustande zu bringen.

Unser autonomes Nervensystem (auch vegetatives Nervensystem) kann dreierlei physiologische Zustände initiieren, die wichtig für unser Überleben sind. Welche Reaktionsweise zu einem bestimmten Zeitpunkt aktiviert wird, ist abhängig vom SICHERHEITSGRAD der aktuellen Situation.

  1. Das Reaktionssystem „soziale Verbundenheit“. Dieses System ist entwicklungsgeschichtlich am jüngsten. Es wird durch den neuesten Teil unseres Vagusnervs (ventraler oder vorderer Vagusast) aktiviert. Es ermöglicht uns, Trost und Hilfe bei anderen Menschen zu suchen, indem wir in Kontakt gehen und kommunizieren, oder Erlebnisse der Verbundenheit miteinander teilen.
  2. Das Reaktionssystem „Kampf oder Flucht“. Finden wir keine Hilfe bei anderen, retten wir uns durch Kampf oder Flucht. Dieses High-Energy System initiiert die Stressreaktion und mobilisiert den Organismus, indem das Herz schneller schlägt, der Blutdruck steigt, etc. Gleichzeitig wird das System der sozialen Verbundenheit deaktiviert. Wir sind nicht mehr in der Lage, anderen zuzuhören und interpretieren Gesichtsausdrücke falsch.
  3. Das Reaktionssystem „Erstarrung“. Dieses System ist das älteste, welches wir mit den Reptilien teilen. Es wird durch den ältesten Teil unseres Vagusnervs (dorsaler oder hinterer Vagusast) aktiviert. Ist eine Flucht nicht möglich, z.B. weil wir festgehalten werden, eingesperrt sind oder uns nicht trauen, uns zu wehren oder etwas zu sagen, weil das Gegenüber zu bedrohlich ist, rettet sich unser Organismus, in dem er „abschaltet“, sich „tot“ stellt. Es wird dann kaum noch Energie verbraucht.

Für die meisten Menschen, die ein Trauma erlebt haben, ist dieser Zustand typisch. Er ist eigentlich eine Kombination aus Reaktionsweise 2 und 3, aus gleichzeitiger Mobilisierung und Immobilisierung: Die Herzrate steigt, der Blutdruck ist hoch (Angst), gleichzeitig kommt es zur Erstarrung. Die Folgen sind Dissoziation („weggehen“), Ohnmacht und das Erleben eines Zusammenbruchs.

Die Heilung eines Traumas geschieht auf der Ebene des autonomen Nervensystems dadurch, dass wir lernen, in das Reaktionssystem „soziale Verbundenheit“ zu wechseln.

 Wie ist das möglich?

Als Therapeut*innen nutzen wir das Wissen über den Vagusnerv, der uns viele therapeutische Interventionsmöglichkeiten bietet. Bei traumatisierten Menschen ist der Tonus des vorderen („sozialen“) Vagus meist gering und auch andere Hirnnerven sind in ihrer Funktionalität gestört. Der Vagusnerv ist der 10. Hirnnerv, er ist mit anderen „sozialen Nerven“ verbunden, z.B. dem Hörnerv, den Gesichtsnerven (5. und 7. Hirnnerv), dem Zungen- und Rachennerv (9. Hirnnerv) und dem 11. Hirnnerv, der für die Bewegung von Hals und Kopf sorgt.

Stimulieren wir diese Nerven, wird auch der Vagusnerv beeinflusst und sein Tonus kann sich erhöhen, was sich durch Entspannung und das Gefühl der Sicherheit und Freude ausdrücken kann.

Eine tiefe Bindung mit anderen Menschen können wir nur eingehen, wenn diese Nerven gut funktionieren. Sie erleichtern das Hören, formen Laute, wenn wir sprechen, helfen uns zu verstehen, was andere Menschen sagen, und helfen uns, visuelle Signale auszutauschen.

Möglichkeiten, die „sozialen Hirnnerven“ zu regulieren:

Selbstregulation

  • Im Yoga durch Bewegung, Dehnung bestimmter Muskeln, der Aufrichtung der Wirbelsäule
  • Durch Atemübungen, welche die Funktionalität des Zwerchfells wieder herstellen.
  • Durch gemeinsames Singen, Tanzen, oder Spazieren gehen.
  • Durch Meditation, die es uns ermöglicht, präsent zu bleiben, still zu sitzen und eine Distanz zu Impulsen der Flucht oder des Kampfes zu installieren.

Co-Regulation

  • In der manuellen Körpertherapie durch die Pressur von Triggerpunkten, welche Anspannungen in Muskeln lösen, die auf die Hirnnerven drücken.
  • Durch den richtigen Gebrauch unserer Stimme als Therapeut*innen. Eine ansprechende und freundliche Stimme, die Sicherheit transportiert, hilft anderen Menschen dabei, sich wohlzufühlen und zu entspannen.
  • Durch einen freundlichen Gesichtsausdruck, der Wohlwollen ausdrückt.

Durch all diese Interventionen können wir, bzw. unsere Klient*innen in das „System soziale Verbundenheit“ wechseln, welches nachhaltige körperliche und psychische Gesundheit zur Folge hat. Reine Gesprächstherapien, sowie Psychopharmaka vermögen dies nicht herzustellen.

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Foto: behance.net/raviroshan